Montag, 17. Mai 2010

Kino in Zeiten der Gleichheit

Kennen Sie das auch? Sie wachen auf und die Frisur sitzt. Das Make-up ist dezent aufgetragen und ihr jugendlicher Körper schwingt sich aus dem Bett. Die Beine sind rasiert, aber Sie gehen trotz allem noch einmal duschen. Das ist sexy. Zähne putzen ist nicht nötig - ein Zahnpasta verschmierter Mund ruiniert Ihren unglaublichen Auftritt. Sie setzen sich halbnackt an den Frühstückstisch und Ihr Schatz begrüßt Sie. Während die Sonne gerade über der Stadt aufgeht, essen Sie die ersten frischen Croissants.

So verläuft es nicht? Das wissen wir wohl alle, aber Kino und Werbung wiederholen es, immer und immer wieder. Die Schilderung oben sticht dabei bereits heraus, denn der erzählerische Schwerpunkt liegt selten auf der Perspektive der Frau. Man sollte meinen, es sei heutzutage anders, aber viel zu wenige Filme bestehen den Bechdel-Test. Kennen Sie nicht? Also ein kurzer Abriss darüber, was auch auf der informativen Seite bechdeltest.com nachzulesen ist:
· In dem Film spielen mindestens zwei Frauen mit*
· Die miteinander sprechen
· Über etwas anderes als einen Mann.
*Vorzugsweise namentlich genannt.

Der erste Punkt wurde nicht klarer definiert, aber stellen wir uns vor, es wird eine Szene eingeblendet, in der zwei völlig unbekannte Frauen sich unterhalten, weil

a) eine Frau etwas bei einer Kassiererin einkauft
b) sie auf der Straße über das Wetter sprechen

und das ist nur ein Intermezzo gegenüber der Haupthandlung.
Im Sinne des Tests wäre es nicht. Wenn man Filme bezüglich dieser Kriterien beleuchtet und sie den Test bestehen, heißt das natürlich nicht automatisch, dass sie gut sind oder in irgendeiner Hinsicht feministisch. Aber es lohnt sich, einmal nachzudenken, wann man das letzte Mal einen Film gesehen hat, der den Test besteht.

Ich war gestern im "Kabinett des Dr. Parnassus". Es gibt nur eine Frau (Mädchen), die namentlich bekannt ist. Damit ist nicht einmal Kriterium eins erfüllt. Wenn man die Regeln sehr lose anwendet, könnte man behaupten, die Punkte wären vollständig vorhanden, da einige Frauen sich darüber streiten, wer als erstes das Kabinett betreten darf. Aber sie sind weniger Nebencharaktäre, als einfach Komparsen und erfüllen im Film die Funktion, deutlich zu machen, dass das Kabinett nach einer Durststrecke wieder Kundschaft hat. Nämlich diese Frauen.
"Sherlock Holmes" sah ich vor ein paar Wochen. Es gibt zwei Protagonistinnen, die namentlich bekannt sind. Wenn ich mich recht entsinne, begegnen sie sich nie. Darüberhinaus sind sie als Objekt der Begierde von Sherlock Holmes und Dr.Watson einkalkuliert.
"Shutter Island". Zwei Frauen werden eingeführt; die tote Gattin der Hauptfigur und eine Ärztin, die einmal auf der Insel arbeitete. Aufgrund der Unanimität der ersten, ist leicht abzuschätzen, dass nie ein Gespräch zwischen ihnen stattfindet.
Bleibt "The Chaser", ein koreanischer Film über einen Mann, der Prostituierte in sein Haus einlädt, um sie dann zu Tode zu quälen und sie in verschiedenen Variationen zu zerteilen und ihre Körperteile bspw. im Aquarium zu drapieren. Einen Moment bin ich dem irrtümlichen Glauben erlegen, es hätte sich eine entsprechende Konversation ereignet, aber als das frisch entkommene Opfer sich an eine Ladeninhaberin wendet, fehlt das eine Indiz: man kennt nur den Namen der Prostituierten, die Ladenbesitzerin ist, wie die Frauen bei Dr. Parnassus, mehr als Requisite zu betrachten. Sie hat keinen Namen, sie taucht nur kurz auf und ihre Aufgabe ist es, der Handlung eine Wende zu geben.
Eine abschließende gedankliche Überprüfung: finden sich in den Filmen zwei namentlich genannte Männer, die sich über etwas anderes als eine Frau unterhalten? In allen vier Fällen lautet die Antwort "Ja".

Von diesen vier Filmen also, die ich gesehen habe, besteht keiner den Test. Zufall? Ich denke nicht.
Die meisten Filme haben üblicherweise männliche Hauptfiguren, deren Leben, Emotionen, Charakter beleuchtet wird. Frauen bleiben dabei oft eindimensional oder haben die Aufgabe, wenn sie sich äußern, über die Hauptfigur zu sprechen.
Darin zeigt sich eine Scheu, den weiblichen Blickwinkel zu beleuchten (abseits von den Gedanken um einen Mann). Wenn ein Film mehr als eine weibliche Hauptfigur hat -oder nur eine- wird er schnell als "Frauenfilm" beschrieben und damit als unsehbar eingestuft, kitschig, nicht ernst zu nehmen.
Das mag zum einen daran liegen, dass solche Filme sich zuweilen tatsächlich in Klischees suhlen. Zum anderen ist diese Einstellung aber ignorant. Denn das bedeutet, dass ein männlicher Hauptcharakter für alle sprechen kann (denn die meisten dieser Filme werden von Männern und Frauen gesehen) und auch Frauen sich mit ihm identifizieren müssen können, aber Frauen können immer nur für sich selbst, oder zumindest ihr eigenes Geschlecht, sprechen.
Schaut man auf die Ursachen, beruht es u.A. auf Klischees über die charakterlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen werden als die sensitiven, die mütterlichen, die entscheidungsscheuen in Filmen dargestellt und bleiben damit auf ewig die enervierend kreischenden Opfer in den Mörder- und Zombiefilmen, die sich gebärden, als könnte man einen Angreifer in die Flucht schlagen, wenn man ausreichend laut heult. Diese Figuren sind nicht deswegen unsympathisch, weil sie sich dumm verhalten (auch), sondern weil sie sich unrealistisch verhalten. Aber das ist nötig, weil sie sonst nicht gerettet werden könnten. Und mit jeder dieser Rettungsaktionen wird ein weiteres Männerego gestreichelt und eine weitere Frau überzeugt, dass es klug sei, sich immer wie die letzte hilflose Stilettoträgerin aufzuführen.
Durch die Stigmatisierung der "Frauenfilme", weil es offensichtlich wenige ausgewogene Darstellungen gibt, die Frauen als komplette Menschen zeigen, bleibt auch den Männern, die sich gerne solche Produktionen ansehen, gesellschaftliche Akzeptanz verwehrt. Es gilt als "verweichlicht". Diese mutwillige Trennung von "weiblichen" und "männlichen" Charaktereigenschaften und Interessen schränkt alle ein.

An der Stelle verlinke ich noch auf eine Seite, die die Stellung der Frau im Film weiter verdeutlicht. Man hat sich hier die Mühe gemacht, eine Liste zu erstellen, in wie vielen Filmen, die letztens erschienen sind, das Wort man vorkommt (im Sinne von "Mann", nicht "Mensch") und wie viele woman in ihrem Titel tragen.
Manch einer wird sich wundern, dass man girl und wife separat erwähnt. Der einfache Grund liegt darin, dass Mädchen nicht so einschüchternd wirken, wie eine Frau. Sie lassen sich noch formen und bevormunden, weswegen man vor dem erwachsenen Exemplar zurückgeschreckt. Wenn man Frauen als "Mädchen" bezeichnet, entmündigt man sie ein Stück und macht sie weniger Angst einflößend, weil scheinbar besser zu beeinflussen. Damit sind diese Titel keineswegs zu den Positivbeispielen zu zählen.
Genauso steht "Ehefrau" separat. Hier wird die Frau nicht über sich selbst definiert, sondern dadurch, wessen (Mannes) Anhängsel sie ist.
Die Seite: nymag.
Das Endergebnis lautet:
man: 43
gegenüber
woman: 6
girl/wife: 18.
Wow. Ein trauriges Ergebnis.


Zweisatz

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