Allgemein

Samstag, 27. August 2011

Warum Menschen aussehen können wie sie wollen

Besonders in der Sommerzeit bekommt man viel Haut zu sehen, viel von den unterschiedlichsten Körpern in unterschiedlichen Lebensabschnitten. Und was man sieht, muss einem nicht gefallen, aber:
Niemand hat das Recht vor irgendwelchen Anblicken in der Öffentlichkeit "geschützt" zu werden (natürlich immer unter der Voraussetzung, dass en nicht mit einem Verbrechen konfrontiert wird, das sire Selbstbestimmung untergräbt).
Dicke Menschen dürfen kurze Sachen tragen, alte Menschen dürfen kurze Sachen tragen, behinderte oder kranke Menschen dürfen kurze Sachen tragen, "hässliche" Menschen dürfen kurze Sachen tragen. Jese darf das.
Es ist ein unglaubliches Zeichen von Ignoranz und vor allem Privileg, wenn man glaubt, anderen vorschreiben zu können, wie sie sich präsentieren sollen. Denn das bedeutet, dass man den eigenen Geschmack zur Norm erklärt und die eigenen kleinlichen Wünsche vor die Rechte anderer setzt.
Mit willkürlich eingesetzten Kleidervorschriften würde man aussagen, dass der persönliche Wunsch nach (subjektiv) ästhetischen Körpern weit und breit wichtiger ist als das Recht anderer Personen, dem Wetter und ihren körperlichen Bedürfnissen angemessene Kleidung zu tragen, sich in der Öffentlichkeit frei bewegen zu können, zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten. Es bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen (die gesunden, jungen, angeblich angenehm anzusehenden) mehr Rechte hat als eine andere Gruppe von Menschen. Es bedeutet weiterhin, dass man mit einer Normierung von subjektiven Eindrücken einverstanden ist: denn es gibt zu jedem Zeitpunkt ein gesellschaftliches Schönheitsideal, aber a) wer genügt dem schon und b) das ästhetische Empfinden jeder Person ist anders. Des einen Menschens "Uäh" ist des anderen Menschens "Oho!". Wie kommt man also auf die Idee, dass die eigenen Vorlieben irgendeine Legitimation hätten - weil sie angeblich Mehrheitsmeinung sind?
Noch schlimmer ist, dass mit solchen Gedanken der gesellschaftliche Konsens verfestigt wird, was schön ist und was nicht. Und wer, infolgedessen, das Privileg genießen darf, als schön empfunden zu werden und eine entsprechende Behandlung zu genießen und wer nicht. Es bedeutet, dass man Menschen allein aufgrund von zufälligen Eigenschaften einschränkt und schlecht behandelt. Es bedeutet, dass man willfährig in Kauf nimmt, dass Menschen ein ungesundes Körperbild entwickeln, ihr Selbstbewusstsein beeinträchtigt wird, sie sich selbst hassen, Essstörungen oder andere Probleme entwickeln und sich nicht vorstellen können, dass sie richtig sind wie sie sind.

Ist es so schwer zu erkennen, wie problematisch es ist, wenn man wegen seiner Oberflächlichkeiten das Leben von anderen einschränkt und verschlechtert?

Mittwoch, 22. Juni 2011

Warum Feminismus mich glücklich macht

Vollkommen subjektiv möchte ich heute unterbreiten, warum Feminismus, so wie ich ihn auffasse, mich glücklich macht.

Zum Feminismus zähle ich nicht nur das Streben nach Gleichberechtigung von Frauen, sondern auch Anti-Rassismus, herausarbeiten von Ableismus, eintreten gegen Trans- und Homophobie und das in Frage Stellen von eigenen Privilegien.
Was all dies verbindet: dass man anstrebt, Menschen sein zu lassen, wie sie sind, so lange sie Rechte anderer nicht verletzen. Und dass man ihnen zugesteht, eigene Meinungen zu pflegen und Entscheidungen zu treffen - vor allem Entscheidungen darüber, wo sie persönliche Grenzen ziehen und ob diese verhandelbar sind.
Mehr noch: dass man sich in andere hineinversetzt und gegebenenfalls vom eigenen hohen Ross heruntersteigt und sich bemüht, persönliche Vorteile nicht auszunutzen.
Es bedeutet, dass man Grenzen auch bei sich selbst entdeckt und lernt, sie klar zu vertreten. Die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu schützen, ist, um genau zu sein, zentral für das persönliche Wohlergehen.
Dieser Prozess der Selbsterkenntnis und -pflege kann auch die Erkenntnis mit sich bringen, was man alles tun darf.

Viele Dinge unterlasse ich ja nicht, weil sie verboten sind, sondern weil ich eines Tages verinnerlichte, dass sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Dass andere Leute es störend oder gar anstößig fänden, wenn ich gewisse Teile meiner Persönlichkeit öffentlich zeigen oder ausleben würde.
Ob ich nun, ungeachtet der Situation, laut und deutlich meine Meinung widergebe oder einer/einem Freund/in offen mitteile, dass en sire Probleme angehen sollte, statt sie immer wieder zu beklagen - beides gehört für mich dazu. Offensive zeigen, auch wenn es uns kulturbedingt widerstrebt.
Es geht also unter anderem darum, sich bewusst zu machen, welche gesellschaftlichen Sprechverbote man internalisiert hat, die zwischenmenschliche Beziehungen nicht etwa vereinfachen, weil man "Konflikte vermeidet", sondern ein engeres Verhältnis zu den Mitmenschen verhindern.
Denn der Konsens scheint zu besagen, dass man Probleme am besten umgeht oder sie "indirekt löst", indem man alles Mögliche tut - außer mit dem/der Urheber/in zu sprechen.
Dem Argument, dass es einen Menschen verletzt, wenn Probleme, die man untereinander hat, direkt angesprochen werden, kann ich nicht folgen. Denn was verletzt mehr, als von Dritten -vielleicht von Gerüchten verzerrt- zu erfahren, dass es schon lange Differenzen gab, die man nie bemerkt hat?
Ich bin also der Meinung, dass es für jedwede Art von Beziehung förderlich ist, wenn man sich nicht verstellt (oder verstellen muss) und Probleme offen anspricht. Dass man sogar aus einer Konfliktsituation enger verbunden hervorgehen kann, wenn sich alle beteiligten Personen angehört und verstanden fühlen. Dass Miteinander noch angenehmer sein kann, wenn man gemeinsam Differenzen ausgetragen hat.*

Feminismus bedeutet für mich also auch, eine offenere Kommunikation zu pflegen - sich nicht bei Dritten zu beschweren, die in der Situation -objektiv betrachtet- nicht helfen können, sondern Probleme direkt mit deren wahrgenommenen Auslöser zu besprechen.
Auf diese Art erhält man auch Anhaltspunkte, ob es sich lohnt, sich mit einer Person weiter zu beschäftigen oder ob die Probleme, die man mit ihr wahrnahm, nur die Spitze eines Eisberges sind, mit dem zu leben man nicht bereit ist. Denn natürlich kommt es auch vor, dass man feststellt, bestimmte Äußerungen waren kein Scherz, eine inakzeptable Handlung kein Versehen und dass es am besten ist, wenn man diese Person nicht mehr in sein Leben mit einbezieht.

Ich glaube, dass diese offene und ja, auch offensive Art der Kommunikation etwas ist, das bereichernd auf ein Menschenleben wirkt.

Feminismus bedeutet für mich weiter, Verantwortung zu übernehmen. Anzuerkennen, dass man Privilegien inne hat, die andere Bevölkerungsgruppen nicht ihr eigen nennen können. Dass andere jeden Tag Dinge erleben, mit denen ich mich nicht beschäftigen muss, weil ich nicht zu Gruppe X gehöre, von denen sie aber keine Auszeit nehmen können, auch wenn ihre Kraft an diesem Tag schon erschöpft ist.
Feminismus bedeutet zuzugeben, dass meine Taten Konsequenzen haben, für die ich gerade stehen und die ich möglicherweise wieder gutmachen muss.
Dabei ist auch die Verantwortung für meine Gefühle zu nennen.
Ich möchte es mir nicht so einfach machen zu sagen: "XYZ ist daran Schuld, dass ich mich schlecht fühle." Das ist zu undifferenziert.
In erster Linie gibt es Bedürfnisse und Erwartungen, die ich habe und deren Nichterfüllung mich unglücklich macht. Eine andere Person kann den Ausschlag dafür geben, dass eines meiner Bedürfnisse nicht erfüllt oder eine meiner Grenzen verletzt wird, aber es liegt in meiner ganz persönlichen Geschichte, in welcher Weise mich das (be)trifft.
Deswegen liegt es auch an mir, meine Probleme und Wünsche zu kommunizieren und nicht am Gegenüber, auf magische Art in meinen Kopf zu schauen und alles wieder heile zu machen.
Damit will ich nicht sagen, dass alle Verhaltensweisen generell in Ordnung sind; Wenn mir jemand aus heiterem Himmel mutwillig gegen das Knie tritt, muss ich das nicht entschuldigen. Diese Person ist auch für ihre Handlung verantwortlich - wie eben ich für meine. Und ein grundloser Angriff auf meine Person ist nichts, dass ich hinnehmen muss.
Aber welche Handlungen unter "gut" und welche unter "schlecht" fallen und ob es eine Berechtigung für die jeweilige Einordnung gibt, sollte man dennoch von Zeit zu Zeit überdenken.
Denn ich kann etwas für schlecht halten, weil es mir persönlich unangenehm ist, aber das heißt nicht, dass es objektiv verboten gehört (nehmen wir nur das Thema rauchen). Andererseits kann ich Dinge für gut halten, die bei näherer Betrachtung für mich gut sind, weil eine meiner Eigenschaften (heterosexuell, weiß, "able-bodied", cissexuell,...) mich in den Genuss eines Privilegs bringt, aber im gesellschaftlichen Kontext schlecht sind, weil eben nur Menschen mit meinem Privileg X aus dieser Sache Nutzen ziehen können.
Das trifft sowohl auf Veranstaltungen zu, die inhaltlich besuchenswert sind, aber keine behindertengerechten Zugänge bieten und geht weiter mit strikt getrennten sanitären Einrichtungen, deren Benutzung für nicht-Cissexuelle** zu einem Spießrutenlauf werden kann. In beiden Fällen übersieht man als nicht-betroffene Person zu leicht, dass es Menschen gibt, für die sich hier Probleme auftun, was auch dazu führt, dass man sich diese Probleme nicht bewusst macht und sie daher in der Öffentlichkeit nicht ausreichend diskutiert werden.

Feminismus ist also etwas Grundlegendes für mich. Man könnte sagen, es ist die Manifestation meiner Überzeugung, dass jeder Mensch eine Chance in dieser Welt bekommen sollte. Eine Chance sich zu entfalten, eine Chance, sir ganz persönliches Talent zu entdecken, wie Terry Pratchett es ausdrückte.
Feminismus ist quasi das Werkzeug, das mir am besten geeignet schien, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

Im Kontext des Titels ist natürlich nicht alles glücksinduzierend.
Ich lese täglich Dinge, die mich aufregen, stören, traurig machen. Es gibt Menschen, die ich nicht leiden kann - sogar ziemlich viele.
Aber ich möchte einerseits versuchen zu erreichen, dass ich niemanden unbedacht zu letzterer Gruppe zähle und vor allem will ich meinen Blick nicht durch schlechte Beispiele trüben lassen.

Ich brauche öfters eine Auszeit und nehme mein Privileg in Anspruch, mich eine Weile nicht mit all dem Schlechten zu beschäftigen, dass das Leben vieler Menschen beeinträchtigt, wenn nicht gar kostet.
Ich hätte gerne einen magischen einfachen Weg, diese Misstände aufzulösen, aber den gibt es nie.
Trotzdem will ich an meinen Vorstellungen festhalten und versuche, immer wieder meinen Weg anzupassen und einzuschätzen, wie ich am besten meinen kleinen Teil für ein besseres Miteinander beitragen kann.
Denn wenn ich kein höheres Ziel mehr vor Augen hätte und nur frustriert wäre, gebe es nichts mehr zu erreichen, das sich zu erreichen lohnt. Ich will idealistisch bleiben. Ich will es besser machen.


* Natürlich propagiere ich keine alles verzeihende heile Welt. Ich beziehe mich hier vor allem auf Beziehungen persönlicher Natur, in denen man sich den anderen Beteiligten recht eng verbunden fühlt und man sich deshalb wünscht, eine gute Beziehung aufrecht zu erhalten.

** Ich möchte mit diesem Ausdruck nicht Cis-Sexualität zur Norm erklären, sondern vermeiden, dass ich falsche Termini benutze. Natürlich kann man einwenden, dass das eine recht schwache Entschuldigung ist und es in meiner Verantwortung liegt, mich zu bilden. Was vollkommen korrekt ist.



Zweisatz

Donnerstag, 14. April 2011

Me on Twitter

Ich bin nicht wirklich ein Fan von Twitter, finde es aber in seiner Funktion, Inhalte anderer Seiten anzukündigen, recht praktisch. In meinem Falle wären das neue Artikel, die ich hier online stelle.

Mein Account findet sich hier: //twitter.com/#!/HighOnCliches.

Viel Spaß damit.

Dienstag, 12. April 2011

Hatr.org

Es ist u.a. in der feministischen Blogosphere ein weit verbreitetes Problem, dass Kommentare unter Artikeln abgegeben werden, die nicht nur nicht zum Thema gehören oder eine Scheindiskussion* einleiten, sondern direkt beleidigender und leider oft auch bedrohender Natur sind.
Hatr.org hat sich, nach dem Vorbild der US-amerikanischen Seite Monetizing the Hate (etwa: "Den Hass zu Geld machen"), zum Ziel gesetzt, mit Hilfe der Hassbotschaften wenigstens Geld zu verdienen und es an geeignete Projekte zu spenden. Im Laufe der Zeit sollen Werbekunden gewonnen werden, die neben den Beiträgen Anzeigen schalten und auf diesem Wege Einnahmen generieren.
Daneben soll den Empfängerinnen und Empfängern solcher Tiraden auch gezeigt werden, dass sie nicht mit dem Problem alleine sind.

Leah Bretz erläutert in einem Interview die weiteren Hintergründe.

*Scheindiskussionen entstehen vor allem dann, wenn Kommentatoren Fragen stellen, die bei shakesville als "Feminism 101" bezeichnet werden - das heißt grundlegende, den Feminismus betreffende Fragen, zu denen man sich selbstständig in entsprechenden Quellen belesen kann und auch sollte, wenn man als respektvolle/r und ernstzunehmende/r Diskussionsteilnehmer/in auftreten will.
Wer diese Art von Fragen stellt, hält eine Diskussion, zum Teil mutwillig, auf.
Den Versuch auf diese Art den Diskussionsverlauf an sich zu reißen, nennt man auf englischsprachigen Blogs auch "Derailing".

Samstag, 9. April 2011

Abstriche

Wenn man mit sich vereinbart hat, gewisse Dinge nicht mehr als normal und akzeptabel anzusehen und hinzunehmen, kommt man unweigerlich an den Punkt, an dem man sich überlegen muss, wie man mit seiner Umwelt umgehen möchte. Denn diese Umwelt hält sich selten an die gleichen Standards. Selbst von guten Freunden hört man: "Das ist ja behindert.", wenn sie etwas wie "Das stört mich." meinen.
Wo man bei eben diesen Freunden schnell dabei ist, sie um eine andere Wortwahl zu bitten, stellt sich bei losen Bekannten die Frage, wofür man sich entscheidet; lässt man eine Gruppe von Menschen ganz hinter sich, weil man ihre Witze über Transsexuelle und ihre sexistischen Bemerkungen einfach nicht hören will oder versucht man, sie zu "reformieren" obwohl die Erfolgsaussichten gering scheinen?

Dies ist ein Thema, an dem ich selbst noch arbeiten muss, denn eine gute Lösung habe ich leider derzeit nicht.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Akzeptanz

Ich will in einer Gesellschaft leben, in der verschiedene Lebensentscheidungen nicht konstant in Frage gestellt werden und andere als die Norm betrachtet werden. Ich will, das alle Entscheidungen, die niemandem unmittelbar schaden, ihre Akzeptanz finden und auch unterstützt werden.
Ob man in einem Haus, einer Höhle oder einer Wohnung lebt, ist egal. Ob man mit niemandem, einem oder vielen Menschen des gleichen/des anderen oder keines Geschlechts zusammen ist/lebt/Kontakt pflegt. Ob man Geschlechternormen erfüllt/erfüllen möchte oder nicht. Ob man sich entscheidet Karriere zu machen oder lieber die Kontakte in seiner Umgebung zu pflegen oder die Welt zu bereisen. Ob man im eigenen Heimatland lebt oder ganz woanders; Ob man Traditionen pflegt, die sonst niemand kennt oder jedes Fest wie fast jesse in der Region auch begeht. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der die Behandlung der eigenen Person nicht primär davon abhängt, welche Hautfarbe, (wahrgenommenes) Geschlecht, Aussehen, Alter, soziale Herkunft man hat, wie nah man der Norm kommt oder nicht.
Ich will in einer Gesellschaft leben, in der Solidarität und Unterstützung an der Tagesordnung ist und man überlegt, bevor man einen Streit anfängt und sich bemüht eine Sache kühlen Kopfes und unter Beachtung der Bedürfnisse aller Beteiligten zu lösen. Ich will eine gute Gesellschaft.

Dienstag, 28. September 2010

Über die Unfähigkeit, ein "Nein" zu respektieren

Die "guten Ratschläge" für Frauen, um einer Vergewaltigung zu entgehen, sind allgemein bekannt. Ich halte es nicht für nötig, sie an dieser Stelle zu wiederholen.
Wichtiger ist, dass sie Frauen das Leben versagen, das Männer bedenkenlos führen können.

Werden Männer dazu angehalten, nicht zu viel zu trinken, da sie sonst leichter in eine Schlägerei geraten und sagt man ihnen, es sei - wenn es doch passiert - ihre Schuld, weil sie dem Alkohol zu sehr zugesprochen hätten? Erklärt man ihnen, dass sie aufpassen sollen, wie sie sich kleiden, wenn sie nach draußen gehen, weil sie sonst "den falschen Eindruck" erwecken könnten sexuell verfügbar zu sein? Macht man ihnen einen Vorwurf, dass sie nachts im Dunkeln alleine unterwegs waren, weil das nur herausgefordert hätte, dass sie ausgeraubt wurden?
In manchen Ohren mögen diese Szenarien lächerlich klingen - warum erwartet man dann, dass Frauen ihr Leben auf diese (und immer wieder neue) Weise einschränken, um jedwedem Übel aus dem Weg zu gehen?

Tatsache ist, eine große Mehrzahl der Fälle von sexuellen Übergriffen findet im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis statt. Hier bringt es nichts, rein gar nichts, sich an die "wohlmeinenden" Ratschläge zu halten.
Was man in diesem Falle braucht, ist ein Netz aus Personen, die einen unterstützen. Die vor allem im Falle eines stattfindenden Übergriffes bereit sind, laut auf Fehlverhalten aufmerksam zu machen.

Wenn man sieht, wie jemand in der Öffentlichkeit von einem/einer vermutlich Fremden belästigt wird, ist es angebracht nachzufragen, ob alles okay ist. Eine andere Möglichkeit ist, die Person direkt mit einem Namen anzusprechen und zu suggerieren, dass man sich kennt. Es ist vollkommen egal, ob das sir richtiger ist - den muss man nicht kennen, um sim einen Ausweg aufzuzeigen.
Wenn man die Lage richtig eingeschätzt hat, zeigt man sim, dass en nicht alleine mit dem Übergriff zurecht kommen muss und en kann sich ohne Gefahr vom Angreifer entfernen. Sollte man (was ich für recht unwahrscheinlich halte) die Lage falsch eingeschätzt haben und es handelt sich um ein Missverständnis, dann kann man sich einfach entschuldigen und seines Weges gehen.
Wahrscheinlicher ist jedoch, sollte das Opfer nicht auf die helfende Hand eingehen, dass es sich bei dem/der anderen um eine/n Bekannte/n oder gar siren Lebensgefährten handelt und en es nicht wagt sich aufzulehnen.

Auch auf einer Party sollte man seinem Bauchgefühl trauen, wenn die Interaktion zweier Teilnehmer nur von einem erwünscht zu sein scheint. Vor allem wenn man beobachtet, wie jemand zu sexuellen Handlungen animiert wird (auch küssen oder streicheln gegen den eigenen Willen ist indiskutabel!), der/die wegen Drogen oder Alkohol nicht mehr in der Lage erscheint, Zustimmung zu solchen Handlungen zu geben. Dann sollte man das laut ansprechen!
Denn die Leute, die halb verschämt mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zusehen, sind ein entscheidender Teil des Problems.

Anschließend ist zu sagen, dass man für jemanden da sein sollte, die/der Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist.
Fragen wie
- Wie viel hast du an dem Abend getrunken?
- Wie spät war es denn?
- Warum bist du nicht mit Freunden nach Hause?
- Warum hast du sin nicht bei der Polizei angezeigt?
- Wie kann es Vergewaltigung sein, ihr wart doch ein Paar?
sind völlig, ich wiederhole, VÖLLIG fehl am Platze. Sie zeigen nur, dass man bereit ist, dass Opfer zum Täter zu machen.
Es gibt keine Person, die entschieden hat, sich vergewaltigen zu lassen. Es gibt nur eine Person, die entschieden hat, gewalttätig zu werden und genau diese Person trägt Verantwortung für den Vorfall.
So wie man es als gegeben hinnimmt, dass man niemanden "einlädt", einen zu erstechen, weil man Messer im Haushalt hat, gibt es kein Verhalten, das eine Vergewaltigung irgendwie "hervorruft".

Es ist vielmehr das gesamt-gesellschaftliche Verhalten, das Vergewaltigern zeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie mit solch einem Verbrechen in einem bestimmten Umfeld davon kommen.

Sie können dies beobachten, wenn jemand in einem bestimmten Freundeskreis Frauen "zum Spaß" einen Kuss auf die Wange drückt.
Wenn diese sich dagegen aussprechen, aber von den Zuschauern gesagt bekommen, sie sollten sich "nicht so haben", zeigt das deutlich, dass Grenzüberschreitungen hier nicht sanktioniert werden.
Je mehr solcher Vorfälle keine entsprechende Reaktion finden (das heißt Empathie für die Frauen und eine klare Aussage aller, dass solches Verhalten hier nicht geduldet wird), desto wahrscheinlicher, dass ein Vergewaltiger nicht aus diesem Kreis ausgeschlossen wird, sollte en sich tatsächlich ein Opfer suchen.
Nach einem Übergriff würde sich in diesem Umfeld niemand trauen, auf das, was sim geschehen ist, aufmerksam zu machen. Weil en zu Recht annähme, dass die einzige Person, die für das Geschehen verantwortlich gemacht werden wird, en ist.

Daher ist es wichtig, auch kleine Verletzungen der Autonomie anderer nicht wegzurationalisieren, das heißt, logische Erklärungen zu finden, warum en "das gar nicht so meinte".
Jeder hat ein Recht auf körperliche und sexuelle Autonomie. Das heißt, ein "Nein" ist ein "Nein". Auch wenn es "nur" um Kitzeln oder eine Umarmung geht. Niemand hat ein Anspruch auf eine bestimmte Art von Interaktion mit anderen - sei es körperlich oder verbal.

In diesen Kontext gehört auch, jemanden auf der Straße anzusprechen und Ablehnung in Ermutigung zu verkehren. Die falsche Annahme, eine Frau möchte nur "schwer zu kriegen" sein, wenn sie "Nein" sagt, beraubt sie der Möglichkeit, Entscheidungen bezüglich dessen zu fällen, was sie will und vor allem nicht will. Denn wenn sie "Ja" sagt, dann will sie einen und wenn sie "Nein" sagt, will sie, dass man sich mehr Mühe gibt? Schwachsinn. Von Frauen geäußerte Worte bedeuten genau das, was sie im allgemeinen Sprachgebrauch auch bedeuten. Ich sage nicht "Nein", wenn jemand mir nachschenken möchte und meine tief drinnen "Mehr mehr mehr Kaffee!".
Aber das eigene Privileg hält viele Leute davon ab, genau das zu hören, was gesagt wurde. Sie hören dann "Nein, beglücke mich mit deiner Weisheit und dem, was du glaubst, was für mich richtig ist."
So etwas würde niemand sagen? Richtig. Warum scheinen es Menschen dann so oft zu hören?

Mehr zu dem Thema wird sicher folgen.


Zweisatz

Samstag, 26. Juni 2010

Für jeden schlechten Tag

gibt es einen Menschen, der anderen hilft.

Gives me Hope

Mittwoch, 16. Juni 2010

Probleme, die es nicht gibt

Die Problematik (Geschlechter-) Gleichheit wird öffentlich selten wahrgenommen und somit nicht diskutiert – Bis auf die gelegentlich wiederkehrenden Überfälle auf Dönerbuden oder dem jährlichen Bericht, dass Deutschland bei der Gleichbezahlung von Männern und Frauen europaweit immer noch auf einem der letzten Plätze liegt. Diese Nachrichten eröffnen die Möglichkeit, einmal guter Mensch zu spielen und „Da muss man doch etwas tun.“ in die Welt zu entlassen und dann kann man diese unbedeutenden Anomalien bis zur nächsten großen Meldung aus dem eigenen Blickfeld verbannen.
Es sei denn, man gehört einem Teil der Bevölkerung an, der einer persönlichen Auseinandersetzung nicht entkommt.

Ich kann bei einem Orkan in meinem schützenden Haus bleiben, ich kann mich beim Autofahren anschnallen, aber ich kann mich nicht völlig aus einer Gesellschaft entfernen, die mich unrecht behandelt oder gar bedroht.
Es gibt also Menschen, die damit leben müssen, dass sie wegen persönlicher Merkmale, auf die sie keinen Einfluss haben, wie etwa (soziales) Geschlecht¹, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderung, chronische Krankheiten, etc. diskriminiert werden .
Die Diskussion ihrer alltäglichen Schwierigkeiten wird jedoch größtenteils vernachlässigt. Was nicht in den Medien ist, ist nicht da (sehr zu empfehlen: Kann nicht sein, was nicht sein darf?).
Des Weiteren orientiert sich unsere Gesellschaft nach wie vor an der „Normalität“ des weißen, heterosexuellen cis-Mannes². Das bedeutet nicht, dass Menschen mit anderen Eigenschaften offiziell als abnormal bezeichnet werden. Aber sie können täglich erleben, was es heißt, nicht der Norm zu entsprechen. Das fängt damit an, in Literatur, Film und Werbung unterrepräsentiert zu sein oder nicht existent. Es geht in Ausbildung und Arbeit weiter, wo Leistungen unterschiedlich bewertet und honoriert werden (etwa in Form von niedrigerem Gehalt oder schlechteren Einstellungschancen). Es endet damit, dass es nur mithilfe eines unglaublichen Kraftakts möglich ist, ihre Lage in den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu rücken.

Aus dieser Gesamtsituation folgen negative Konsequenzen für Menschen, die Diskriminierung melden, auf Misstände aufmerksam machen.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau kein Gehör findet, wenn sie in einer männlich dominierten Branche bei ihrem männlichen Vorgesetzten eine Beschwerde wegen belästigendem Verhalten eines anderen Mitarbeiters einlegt? Oder dass sie eine beschwichtigende Antwort erhält, dass sich das Problem schon von selbst klären wird? Oder – eine der frustrierendsten Möglichkeiten – dass ihr gar suggeriert wird, dass sie das Verhalten selbst provoziert und zu verantworten hat?
Es mag nicht die Regel sein, dass sie im Regen stehen gelassen wird, aber es fragt sich, welche Handlungsmöglichkeiten übrig bleiben, wenn man merkt, dass einem nicht geholfen wird, weil man in erster Linie unbequem ist und die eigenen Probleme als zweitrangig wahrgenommen werden.

So lange kein angemessener gesellschaftlicher Konsens darüber existiert, welches Verhalten wirklich diskriminierend ist, bleiben Vielen die Hände gebunden, wenn sie sich selbst aus einer nachteiligen Situation befreien wollen. – Der aktuelle Konsens ist lächerlich.

1 Das soziale Geschlecht, eng.: gender; steht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, eng.: sex
2 cis-(gendered): Menschen, die das gleiche Identitätsgeschlecht haben, wie das ihnen aufgrund ihrer körperlichen Merkmale nach der Geburt zugeordnete; im Gegensatz zu eng.: transgender


Zweisatz

Freitag, 11. Juni 2010

Blub?

Das mag in einigen Köpfen vorgegangen sein, die damit beschäftigt waren, den letzten Text zu verarbeiten.
Es gibt einen Grund, warum, trotz der Rechtschreibkontrolle, so sonderbare Worte in dem letzten Beitrag auftauchten. Es war Absicht.

Ich habe mit Interesse, aber ebenso Verwirrung, die Entwicklungen zum Thema "Gleichheit in der Sprache" verfolgt und sie kamen mir immer etwas sonderbar vor. Das Problem bei den Feminist/innen und den Vordenker/innen ist, dass es
· grammatikalisch nicht korrekt ist (die Feminist (m), die Feministinnen (w)? - nicht ganz)
· man es nur umständlich oder gar nicht aussprechen kann.
Während ich durchaus dafür bin, sich darüber Gedanken zu machen und auch Lösungen zu entwickeln, musste ich mir auch überlegen, wie ich das hier gestalten möchte.
Also habe ich mich zunächst erst einmal den Personalpronomen angenommen und entschieden, dass das per Definition maskuline Substantiv, wenn der Kontext es nicht anders fordert, für eine Frau oder einen Mann stehen kann. Schön wäre eine Endung, die ein Wort als neutral definiert, aber das klingt, wenn es nicht durchdacht ist, in erster Linie nur sonderbar.
Wer unglaublich gute Gedanken zu diesem Thema hat und die endgültige Lösung gefunden, kann mir gerne einen Kommentar schreiben. Bis dahin erläutere ich kurz die Wörter, die ich auf jeden Fall, auch mit Abwandlungen, verwenden werde.

sie_er hän*
ihr_ihm sim
sie_ihn sin
   
sein_ihr sir
seinem_ihrem sirem
seinen_ihren siren
   
dessen_deren desren
der_die ki (Relativpronomen)
   
jede_r jese
jedem_jeder jesem
jeden_jeder jesen

Usw. usf.

Edit 05.11.2011: Da ich etwas hinterher bin mit meiner Bildung, habe ich jetzt erst den Sinn des Gender_Gaps verstanden und werde den an dieser Stelle daher mit einfügen, denn was bringt es, wenn man sich bemüht, Frauen und Männer sprachlich gleich zu behandeln aber nicht-binären (ich hoffe, der Ausdruck ist in Deutsch angemessen und verständlich) Personen das gleiche verweigert.

*Habe mich jetzt doch für die finnische Form entschieden, die ich schon immer schön fand.

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Zuletzt aktualisiert: 8. Jul, 23:28

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